Klaus Schönenberg - Portal Home
Loire 2010
Durchaus - die Loire, die hat was. Man ist huschhusch da (6 Stunden Auto, wenn einen die Peripherique in Paris nicht fesselt - schneller als in Sienna) und auch schnell wieder weg, wenn einem das Getümmel in und um die Schlösser herum auf den Senkel geht. Denn auch das Hinterland an der Chér und der Loir (ohne e hinten) hat viel zu bieten.
Diesen Landstrich kann man sich von einer zentralen Bleibe aus ebenso erschließen, wie als Etappenhase, der von einer leckeren Auberge zur nächsten hüpft - oder besser fährt. Oder radelt. Letzteres ist nicht mein Ding, erfreut sich aber großer Beliebtheit und auf den kleinen Sträßchen geht es zu wie auf der Prinzengraacht in Ol`Amsterdam.
Wir haben uns fürs Zigeunern entschieden, mal im Städtchen, mal im Landgasthof genächtigt und dabei des morgens die Bleibe für abends im Internet gesucht und immer gefunden. Booking.com und Logis-Hotels.com und ein guter Reiseführer (Dumont) waren treffliche Ratgeber.
Bei Hotels und Restaurants mit diesem Logo ist man ziemlich auf der sicheren Seite. Siehe unten "Stadt oder Land".
Die Stätten der üblichen Verdächtigen liegen dicht beieinander. Wer es drauf anlegt, kann drei oder vier Weltkulturenstätten an einem Tag beerben. Wir haben es gemächlich angehen lassen und wenn uns die Schlange am Eingang zu lang war, haben wir es einfach bleiben und Lui-Kääß einen eitlen Gockel sein lassen. Eigentlich sehen die Schlösschen eh alle gleich aus und wer wann wen wie oft mit welchen Folgen in den viel zu kleinen Bettchen unter den vergammelten Brokatvorhängen unerlaubt gevögelt hat, kann man sich eh´ nicht merken. Man munkelt von intreganten Mäträssen, eifersüchtigen Königinnen und notgeilen, affigen Potentaten, die sich von berühmten Künstlern ihrer Zeit wie Pfauen haben porträtieren lassen.
Immerhin erwähnenswert sind die automatischen Kassen am Eingang zum Wunder von Chenonceaux, wo mich die Küchengerätschaften (Bild 2 und 3) noch am meisten faszinierten, das Wasserschlösschen Azay-le-Rideau mit eher enttäuschender Gartengestaltung, eher noch das im gleichen Ort liegende Chateau de Islette, in dem sich einst Camille Claudel mit Auguste Rodin zunächst heimlich traf und sich später von einer Abtreibung erholen musste.


Bild 3


Mein persönlicher Favorit ist das Château De La Bourdaisière (Bild 4). Der hübsche Klotz des verarmten Adels ist seit dem 16. Jahrhundert durch viele Hände gegangen. Zuletzt hat ihn eine amerikanische Klunkerilse an einen jungen Compte verkauft, der daraus ein elegantes Hotel-Restaurant gemacht hat. Hingefahren sind wir wegen der prachtvollen Tomatenzucht, für den der Besitzer berühmt ist. In einem bemerkenswerten Garten sieht man beinahe ausgestorbene Sorten und reihenweise faszinierende Blumen. Zu essen kriegt man die roten, grünen und schwarzen (!hallo!) Nachtschattengewächse leider nicht.


Bild 2



Bild 4


Bilder 5 und 6
Überhaupt - Blumen und Gärten. Wie man an der Willihöhe unschwer erkennen kann, sind wir wahre Gartenfreaks. Kaum sehen wir eine Pflanze, lassen wir sie wachsen und gedeihen. Zerstörung und Beschnitt, unbefugtes Eingreifen in das Wunder des Werdens ist das Unsere nicht.

Umsomehr haben wir diverse Gärten und sogar künstlerisch gestaltete Anlagen in unser Herz geschlossen und der Besuch in einer Gartenausstellung in Chaumont bleibt mir in nachhaltiger Erinnerung (ehrlich!). In der Schlossanlage (Bild 7) des Ortes findet sich hinter den Pferdeställen eine sehr bemerkenswerte, von zeitgenössischen "modernen" Künstlern nach unterschiedlichen Themen gestaltete Gartenanlage.
Z.B. der kleine Park "Billy Holiday". Inmitten eines Blumenmeers erinnern ein Mikrophonständer und ein Flügel, aus dem Musik der charismatischen Künstlerin klingt, an die viel zu früh gestorbene, legendäre Blues-Sängerin (Bild 9). Hier oder in den kleinen Entspannungsinseln zwischen Gräsern hätte ich mich Stunden in dem bequemen Ledercheselongue fläätzen können.
Hier ein Link dazu

TIPP: Falls jemand mal hinkommen sollte, empfehle ich den Eingang A im Ort gegenüber der Kneipe, damit ihr genauso weit laatschen müsst wie ich, um nach 1km Fußweg den Berg rauf zu erkennen, dass der Eingang B ums Eck bedeutend kürzer gewesen wäre.


Bild 10

Spannend fand ich denn auch das Kunstwerk Bild 10. Reichlich vier Meter hoch steht im Innenhof des Pferdestallgebäudes neben dem Schloss ein künstlicher Baum, an dessen Filzoderfläche dutzende kleiner Sträucher eingepflanzt sind. Zusammen bilden sie ein mächtiges Pflanzenmonument.


Stadt oder Land?
An der Loire funktioniert beides. Wir fanden Orleans als Anlaufpunkt ganz nett (Hotel Aignan ist günstig, zentral, sauber, freundlich), beim nächsten Besuch der Gegend würde ich ein paar Meter weiter fahren nach Tavers ins La Tonnellerie (90-140€, Schwimmbad, gutes Restaurant) in Tavers, 10km hinter Orleans.

Auslassen würde ich zudem Blois und Tours - in beiden Städten wurde ich nicht warm. Saumur ist solala. Vergiss Ambois, das Sinzig an der Loire.
Absolut klasse: Chinon!
Hier hat man ständig das Gefühl, dass Gérard Depardieu um irgendeine Ecke biegt, ein Bäuerchen macht und mit ein-zwei Flaschen Grand Crû in irgendeinem Hausflur verschwindet.


Bild 7 und 8



Bild 9

Wo wir gerade noch bei Gräsern sind. Nahe der sehenswerten Höhlenwohungen
bei Doué-la-Fontaine fuhren wir durch eine soweitdasaugereichte Hanfanpflanzung.
Obs dröhnt, ist nicht überliefert (Bild 11).

Bild 11

Wahrscheinlich habt ihr euch schon besorgt gefragt, warum der nichts von Essen und Trinken erzählt. Da gab es schon die eine oder andere Begegnung. Leider hat im August auf der Flucht vor Touristen manch ein Gourmet-Tempel geschlossen. Ganz entrinnen konnten uns die Sternemützen trotzdem nicht.

Essen, Trinken, Schlafen:
Im Allgemeinen kann man sich auf die in den Führern angegebene Zahl der Kochtöpfe der Logis-Restaurants ganz gut verlassen. Man kommt mit 25-30 Euro für ein drei bis 4 Gänge-Menü zurecht. Für eine Flasche regionalem Wein zahlt man 15, auch mal 40 Euro, je nach Lage und Jahrgang (mehr siehe unten: Wein).

Für einen Sterneladen muss man schon ab 60 Euronen pP zechen, wenn es nett werden soll. Dann hat man aber auch das volle Programm: Amuse Bouche vorweg, vier bis fünf Tüfteleien, Käse vom Feinsten plus 15 Euro, Dessert. Hier bedienen diese Sternefritzen alle positiven Vorurteile. Unser persönliches Highlight ist das Chateau des Pray bei Amboise (Bilder 12+13). Wunderbar morbider Charme, Pool mit Blick über den hoteleigenen Kräuter- und Obstgarten, nette Leute, den überaus symphatischen Chef de Cuisine Frederic Brisset und sogar sein allerheiligstes, die Küche, durften wir persönlich kennenlernen und ich konnte ihm nach reichlich Eau de Vie den Kopp mit meinen Rezeptideen vollquatschen. Nettes Erlebnis.

Nicht ganz so feudal, aber ein hübsches Rückzugsörtchen ist das Manoir de la Giraudiére bei Chinon (Bilder 14+15). Klein, fein, preiswert und eine sehr engagierte Chef de Cuisine. Das Menü wechselt täglich, ist reichhaltig und von 23,50 bis 28,00 Euro zu haben, Flasche ordentlichen Chinon blanc 18,00 Euro.
Ganz so schlimm ist Blois übrigens denn doch nicht, denn hier hat s´Liebchen das einzige vegetarische Menü gefunden: Restaurant Le Monarque. Statt gedünstetem Ziegenhirn im Kuttelrahm mit Nierenmedaillons vom brünstigen Eber gab es Möhrenjus mit Oberginenkompott und ein Reistimbale.

Wein:
Ganz klar: Der Wein der Loire ist überbewertet und viel zu teuer. Beim Winzer zu kaufen (Caves gibt es alle hundert Meter wie an der Mosel) ist rausgeschmissenes Geld. Man zahlt für einen ordentlichen Chinon blanc beim Winzer mind. 8,00 Euro, in der Metro kriege ich die gleiche Qualität für 4,50 Euro. Ab und an ergattert man in einem Restaurant einen Sanserre für 15,00 Euro, was für eine Kneipe sehr preiswert ist. Zuschlagen!, denn der ist besser als der Chinon. Auch der Montlouis hat mir sehr gut gefallen.
Tipp: In Chinon gibt es eine Eckkneipe am Platz gegenüber der Brücke. Nach Reiner fragen. Der ist Deutscher, sehr nett, kellnert dort und partizipiert an der Enoteka nebenan, die einen ordentlichen, fassgelagerten Chinon blanc Domain Noblaie für 8,00 Euro anbietet. Falls jemand hinfindet, soll er mir ein Kistchen mitbringen.

Markt:
Es gibt für mich nichts traurigeres als über einen kleinen Wochenmarkt in einem französischen Dorf zu gehen. Traurig, weil es sowas hier in Deutschland nicht gibt. Auf diesen Märkten gibt es all´ das, was ich hier nur in der Metro cellophanverpackt kriege: Schnecken, Austern, sechs Sorten Kaffee aus dem Sack, 128 Käsesorten vom pilzezerfressenen Brienne über 23 Chevres bis zum Rohmilch-Roquefort, ein frisches Bresse-Huhn, gestern noch vor dem Hahn geflüchtet, ein Baguette, das ein Baguette ist und nicht eine schwabbelige Gilgen´sche Langbrotstange.....
Sehr netten Märkte fanden wir u.a. in Meung-sur-Loire (sonntags) und Beaugency (samstags). Auf letzterem kriegte ich endlich einen neuen Strohhut, weil mein alter 12-jähriger Venezier nach Aussage der Liebsten "erbärmlich" aussähe.


Und sonst.....
....ist doch klar, dass man eine solche Seite nur fabriziert, um andere neidisch zu machen. Hoffentlich hat das geklappt. Ein bisschen wenigstens.


Gruß
KSausW

Bild 12


Bild 13


Bild 14


Bild 15














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